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Die Birken Baumfaltblatt Nr. 15

Birkenallee
In der offenen Landschaft findet man
Hängebirken häufig als lichte Alleen gepflanzt

Die Gattung Birke (Betula) ist mit etwa 48 Arten laubwerfender Bäume und Sträucher in den gemäßigten und kühlen Zonen der Nordhalbkugel verbreitet. Birken zählen zu den wichtigsten Laubgehölzen der borealen Nadelmischwälder und markieren im Norden auf weite Strecken die natürliche Waldgrenze. Pollenanalysen beweisen, daß sie nach der großen Vereisung vor 13.000 - 9500 Jahren (zusammen mit der Kiefer) auch in Mitteleuropa einmal große Areale einnahmen. Heute kommen natürliche oder naturnahe Birkenwälder bei uns kleinräumig vor. Als Einzelbäume, Baumreihen oder kleine Gruppen sind Birken dagegen fast überall in Städten und der offenen Landschaft zugegen.

Birken sind mit Erle, Hainbuche und Hasel verwandt (Fam. Birkengewächse) und bringen getrennte jeweils zu Kätzchen zusammengefaßte männliche und weibliche Blüten auf einer Pflanze (= einhäusig) hervor. Die Einzelblüten sind an der Kätzchenspindel zu 2-3 zusammengefaßt, bei den weiblichen ohne, bei den männlichen mit einer vierblättrigen Blütenhülle. Birken sind wie viele andere Waldbaumarten der gemäßigten Wälder windbestäubt (pro Staubblatt 10.000, pro Kätzchen 5 Mio. Pollenkörner). Während die männlichen Kätzchen überwintern, erscheinen die weiblichen erst im Frühjahr mit dem Laub. Als Pioniergehölze verbreiten sie auch ihre geflügelten Früchte mit dem Wind. Die kleinen Nüßchen besitzen Flügel und erreichen 1,6 km theoretische Flugweite (d.h. ohne Wind).

Kennzeichnend sind weiterhin einfache, wechselständige Blätter mit gezahntem oder gekerbtem Rand, sowie eine bei vielen Arten querabreißende, glatte, durch Einlagerung von Betulin weiß gefärbte Rinde ("Birke" vom indogermanischen Wortstamm "bherek" = glänzen, hell).

Strauch- und baumförmige Birken

In Deutschland kommen vier Arten vor, von denen die strauchig wachsende bis 70 cm hohe Zwergbirke (Betula nana) und die bis 2 m hohe Strauchbirke (B. humilis) seltene Relikte der Eiszeit darstellen, die sich nur in wenigen Hochmooren Norddeutschlands und (noch etwas zahlreicher) im Alpenvorland gehalten haben. Ihre Bestände sind bundesweit stark gefährdet.

Baumförmig wachsen die Hänge- oder Weißbirke (B. pendula) und die Moorbirke (B. pubescens), beide in weiten Teilen Europas und Asiens vorkommend. Während die Hängebirke stärker nach Südeuropa vordringt (z. B Italien, Balkan), trotzt die Moorbirke den kalten Klimaten in Island, dem nördlichsten Skandinavien und Ostsibirien. Als Unterart der Moorbirke, z.T. aber auch als eigene Art gilt die Karpatenbirke (B. pubescens ssp. carpatica), die eher strauch- als baumförmig wächst und bei uns Moorstandorte und Blockhalden der Mittelgebirge besiedelt. In Mischbeständen von Hänge- und Moorbirke treten zuweilen Bastarde auf.

Verbreitung Birke Birkenblatt
Europäische Verbreitung von Hänge- und Moorbirke
gepunktet: Moorbirke
schwarz: Moor- und Hängebirke
schraffiert: Hängebirke
Das Blatt der Hängebirke ist im Gegensatz zu dem der Moorbirke in der Jugend nicht behaart

Die deutschen und wissenschaftlichen Namen der beiden baumförmigen Arten - um die es hier gehen soll - beschreiben überwiegend äußere Merkmale (s. Tabelle). So deuten "Hängebirke" und "B. pendula" auf die hängenden Zweige hin. Die Synonyme "Warzenbirke", "Sandbirke" und „B. verrucosa" beziehen sich auf kleine Harzwarzen auf der Rinde junger Zweige, die ihnen eine rauhe Beschaffenheit (wie Sandpapier) verleihen. Im Gegensatz dazu sind die einjährigen Zweige und die Blätter der Moorbirke als Anpassung an kühlere Standorte samtig behaart, daher: "B. pubescens", "Haar-" und "Flaumbirke".

Merkmalsunterschiede zwischen Hängebirke und Moorbirke

  Hängebirke (Betula pendula) Moorbirke (Betula pubescens)

Stamm Rinde zuerst glänzend rotbraun, im Alter am unteren Teil längsrissig, wulstig, dunkelbraun bis schwarz, selten mit weißen Flecken, darüber weiß oder gelblichweiß mit querliegenden schwarzen Rauten. Äste spitzwinkelig aufsteigend Rinde zuerst glänzend rotbraun, im Alter fast überall glatt, weiß oder gelblich, selten grau bis schwarz, Äste aufwärts gerichtet oder waagerecht stehend.
Zweige Spitzen herabhängend, jung: durch warzige Harzdrüsen rauh, unbehaart Spitzen nicht herabhängend, jung: behaart
Blätter + rhombisch, lang zugespitzt kahl, sehr jung klebrig Blattzähne 1. und 2. Ordnung rundlich-eiformig, kurz zugespitzt, jung flaumig behaart zuletzt nur noch in den Nervenwinkeln bärtig, Blattrand gleichmäßig gekerbt
Tragblätter
des weibl. Blütenstandes
Seitenlappen zurückgebogen Seitenlappen nach vorne gebogen
Frucht Fruchtflügel 2-3 mal so breit wie das Nüßchen, die Narbe bis um das doppelte überragend Fruchtflügel 1-1, 5 mal so breit wie das Nüßchen, die Narbe kaum überragend

Wachstum

Birkenfrüchte keimen entweder noch im Jahr der Reife oder im darauf folgenden Frühjahr. Die Sämlinge können im ersten Lebensjahr 1 m hoch werden und mit gleichen Zuwächsen weiterwachsen, bis in 20 Jahren etwa 15 m Höhe erreicht sind (max. Höhe 28 m). Danach ist das Wachstum sehr viel langsamer. Die Lebensdauer ist im Süden bereits mit 50-60 Jahren erreicht, im Norden erst mit 180 Jahren.

Überlebenskünstler

Obschon Birken die stärksten Zuwächse auf lehmig-sandigen Böden zeigen, findet man sie hier relativ seiten, da sie hier von anspruchsvolleren Gehölzarten verdrängt werden. Dauerhafte Bestände können Birken nur an nährstoffarmen und sauren Standorten mit schwierigen Wasserverhältnissen ausbilden, wo sie die größten Wettbewerbsvorteile haben. Auf trockenem, wasserdurchlässigem Untergrund ist die Hängebirke durch ein flaches aber dichtes Wurzelwerk angepaßt, das eine schnelle, effektive Wasseraufnahme ermöglicht. Staunässe oder gar länger anhaltende winterliche Überstauungen verträgt dagegen die Moorbirke gut. Die Feinwurzeln beider Arten sind von einem dichten Geflecht symbiotisch lebender Pilze umgeben (Mycorrhiza), was die Nährstoffversorgung stark begünstigt.

Birkenkätzchen
Im April und Mai blühen die männlichen Kätzchen der Moorbirke
Birke als Pioniergehölz
Bei der Verbuschung ungenutzter lndustrieflächen spielt die Hängebirke als Pioniergehölz eine bedeutsam Rolle

Birken sind - vermutlich durch Einlagerung von Ölen in Zweige und Knospen - außerordentlich frosthart, so daß sie selbst am Kältepol der Erde in Ostsibiren vorkommen. Auch sind sie wenig spätfrostempfindlich. Ihre Blätter erfrieren erst ab - 6ºC. Gebiete mit hoher sommerlicher Hitze sind weniger verträglich, weswegen beide Arten im kontinentalen Europa zugunsten der Kiefer zurücktreten. In den Alpen steigt die Hängebirke bis 2000 m, die Moorbirke bis 2200 m auf.

Die hohe Resistenz gegenüber lmmissionen und die Fähigkeit selbst in kleinsten Ansammlungen von Rohboden zu wachsen, macht die Hängebirke zum wichtigsten Pioniergehölz im städtisch oder industriell geprägten Raum. Hier besiedelt sie häufig mit Salweide vergesellschaftet Gleisanlagen, Schotterflächen, Halden verschiedener Art und aufgelassene Grundstücke, aber auch Mauerwerk, Pflasterfugen und selbst Dachrinnen. Als Lichtbaumart tritt sie in Lücken verschiedener Wälder auf, ist aber dann eine vorübergehende Erscheinung.

Birkenwälder

Natürliche Bestände der Hängebirke finden sich in Form von Eichen-BirkenWäldern (bes. mit Stieleiche) in eiszeitlich entstandenen Sandgebieten Nordwesteuropas. Sekundäre Eichen-Birken-Wälder sind zudem durch extensive Holz- und Weidenutzung aus Eichen-Buchen-Wäldern hervorgegangen, begünstigt durch Nährstoffentzug und Übersandung aus angrenzenden Heidegebieten. Später sind sie ertragreicheren Kiefernforsten gewichen. Standortanzeiger des Eichen-Birken-Waldes sind Wolliges Honiggras, Drahtschmiele, Wiesenwachtelweizen, Adlerfarn und Salbeigamander.

Hängebirke Morrbirken
Mehrstämmigkeit bei der Hängebirke Die Moorbirke ist an nasse, saure Böden angepaßt: hier einzelne Moorbirken an einem Moorweiher

Ist der Untergrund nährstoffarm, sauer und zusätzlich feucht oder staunaß, wird die Moorbirke bestandsbildend. In Senken bilden sich Birkenbrüche, an Hoch- und Zwischenmoorrändern Birkenmoore aus. Die Moorbirke ist jenach Randbedingungen mit der Erle (basisch), der Kiefer (kontinental) oder auch der Hängebirke (trocken) vergesellschaftet. Faulbaum und Eberesche (=Vogelbeere) sind begleitende Straucharten. Im moosreichen Unterwuchs finden sich Glockenheide, Blau-, Rausch- und Preiselbeere sowie das Pfeifengras.

Lebensraum Birke

Frassgang an Birkenblatt Raupe Blattwespe
Fraßgang (mit Kotschnur) einer von 43 in Birkenbättem minierenden Kleinschmetterlingsarten Raupe der Birken-Knopfhomblattwespe

Moor- und Hängebirke sind Lebensraum für eine Vielzahl von Organismenarten. In Rußland wurden an den beiden Birkenarten 91 parasitische und 36 mykorrhizabildende Pilzarten, 46 Flechten-, 23 Moosarten, 8 Milben- und 574 lnsektenarten, sowie 8 Vogel- und 9 Säugetierarten festgestellt, insgesamt also 795 Arten. In Großbritannien ernähren sich 334 Insektenarten direkt von der Birke, darunter viele Blattwespenund Schmetterlingsarten. Diese leben als Larve entweder frei an den Blättern oder in jeweils artspezifischen Fraßgängen. Der Birkenblattroller (Deporaus betulae) ist ein Rüsselkäfer, der zur Ernährung seiner Brut Blattwickel anfertigt. An den weiblichen Kätzchen finden sich häufig die Birkenwanze (Kleidocerys resedae) und die unauffällige Birkensamengallmücke (Oligotrophus betulae), deren Larven einzelne Früchte verunstalten (Fruchtgallen). Obwohl die Früchte der Birke keine Beeren sind, werden sie von immerhin 32 Vogelarten genutzt, darunter typischerweise Erlen- und Birkenzeisig. Knospen sind als Winternahrung für das Birkhuhn bedeutsam. Auffällige Anhäufungen dichter Verzweigungen werden als Hexenbesen bezeichnet, in Anlehnung an die Vorstellung, Hexen seien auf ihrem Flug mit dem Besen im Astwerk hängengeblieben. Es handelt sich um Mißbildungen, die durch Schlauchpilze der Gattung Taphrina hervorgerufen werden. Unter Lichtmangel leidende Birken werden oft von dem Birkenporling (Piptoporus betulinus) befallen, einem auf Birke spezialisierten Baumpilz. Unter Birken finden sich eine Reihe von Hutpilzen, die mit den Wurzeln des Baumes in Kontakt stehen, darunter Birken- (Krombholziella scabra) und Fliegenpilz (Amanita muscaria).

Wald- und Landschaftsbau

Fliegenpilz-Symbiose mit Birke
Der Fliegenpilz geht häufig mit der Birke eineWurzelsymbiose ein

Die Birke gilt als Nebenholzart und wurde lange Zeit als forstliches "Unkraut" herausgehauen. Dabei trägt sie zur schnellen Wiederbewaldung, zur Waldrandschließung bei und ist als Vorwaldbaumart ein wichtiger Vorbereiter, indem sie Humusansammlung fördert und die Spätfrostgefahr herabsetzt. Die lichtdurchlässige Krone erlaubt das Heranwachsen anderer Baumarten. Für die Begrünung verschiedener Rohböden (Halden) ist sie gut geeignet, da sie den Boden vor Abwaschung schützt. In Naturschutzgebieten, in denen man Sand- und Heideflächen offen halten möchte, kann Birken-

anflug allerdings zum Problem werden. Auch für die Renaturierung kleiner Restmoore ist die Zurückdrängung der Birke bedeutsam, da diese neben Beschattung auch einen starken Wasserverlust bewirkt. So kann eine einzeln stehende Birke an einem Sommertag dem Boden 400 1 Wasser entziehen.

Die kurzlebige Hängebirke eignet sich als Straßenbaum nur bedingt. Schmalkronigkeit und Resistenz gegenüber Schadstoffen sind günstige Eigenschaften, doch sind ihre Strahlungs- und Hitzeempfindlichkeit und ihr flaches Wurzelwerk

(ungünstig für befestigte Flächen) bei der Standortwahl zu berücksichtigen. Von der Hängebirke sind diverse Wuchsformen in Kultur. Gepflanzt findet man häufig auch die nordamerikanische Papierbirke (B. papyrifera).

Volkstümliche Nutzung

Birken spielten vor allem bei nordischen Volksgruppen eine Rolle, wo Birkenrinde zur Abdeckung der Häuser und zum Kanubau ebenso Verwendung fand, wie zur Herstellung von Umhängen und Gamaschen. Das aus Birkenteer gewonnene Birkenöl diente dem Geschmeidigmachen dünner Leder (Juchten). Die in der Rinde enthaltenen Gerbstoffe fanden in Gerbereien Verwendung. Da das Kambium viel Zucker, Öl und selbst Vitamin C enthält, wurde das daraus hergestellte Birkenmehl als Notration genutzt. In Rußland wurde der aus Schnittstellen im Frühjahr reichlich austretende Blutungssaft (2 % Traubenzucker) zu einem berauschenden Getränk vergoren. Tee aus Birkenblättern wirkt harntreibend und salzausscheidend und wird so gegen Wassersucht, Rheuma, Gicht, Arthritis, Nieren- und Blasensteine eingenommen. Äußere Anwendung fand Birkenlaub (Ausschwitzen), Birkenknospentinktur (Wundheilung) und Birkenhaarwasser (Haarwuchsmittel).

Birkenmöbel
Das helle Birkenholz wird zunehmend im Möbelbau eingesetzt

In verschiedenen Regionen wurde die Birke als Symbol der Jugend und des Frühlings verehrt. Der Gebrauch als "Maibaum" ist in vielen unserer Landkreise erhalten geblieben. An das Haus der Verehrten gestellt, dient der Baum als Zeichen der Liebe und als symbolischer Heiratsantrag.

Holz

Das relativ weiche, nur begrenzt dauerhafte Holz der Birken ist mittelschwer und durch feine und lange Fasern zäh und elastisch. Es ist gut bearbeitbar, aber schwer spaltbar und findet Verwendung im Möbel- und Innenausbau, für Sperrholz, Span- und Faserplatten, für Zellstoff sowie für Drechselarbeiten. Als Schnitzholz neigt es zum Werfen und Reißen. Holzschuhe und Propeller wurden aus Birkenholz gefertigt. Wertvolle Furniere werden aus verschiedenen Maserformen (Maser-, Flammen-, Vogelaugenbirke) des gelblichen, rötlichweißen oder hellbraunen Holzes hergestellt, so daß es zunehmend als Tropenholzersatz gesehen wird. Birkenholz ist hervorragendes Brennholz. Aufgrund des Birkenteers gibt die innere Rinde auch bei feuchtem Wetter guten Zunder ab.

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