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Die Weide Baumfaltblatt Nr. 12

Die Silberweide kommt oft in mächtigen Exemplaren vor
Die Silberweide kommt oft in mächtigen Exemplaren vor
Lanzenartige Blätter der Silberweide
Lanzenartige Blätter der Silberweide
Die eiförmigen Blätter der Salweide
Die eiförmigen Blätter der Salweide

Weidenarten zu bestimmen ist nicht einfach. Etwa 350 Arten umfasst die Gattung Weide (Salix), die mit zwei weiteren Gattungen die Familie der Weidengewächse (Salicaceae) bilden. Weiden sind sommergrüne, überwiegend zweihäusige vielgestaltige Bäume oder Sträucher. Sie bewohnen die kühlen nördlichen und gemäßigten Zonen. Hier besiedeln sie vom Auewald bis in die alpinen Lagen bis etwa 3.000 m die unterschiedlichsten Standorte. Die Arten bastardieren untereinander sehr stark. Erschwerend für eine genaue Artenbestimmung kommt die Vielfalt der Blattformen hinzu. Sie können differieren im Sommer-Winterbild, bei verschieden intensivem Lichtgenuss.

Und kaum zu glauben: von nicht einmal zehn Zentimetern "Höhe" der Netzweide (Salix reticulata) bis zu 25 Metern der Silberweide (Salix alba) ist alles möglich. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, wenngleich sie dem nicht botanisch interessierten Laien nicht sofort ins Auge fallen.


Botanische Merkmale

Männliche Blüten (Kätzchen} an der Salweide
Männliche Blüten (Kätzchen} an der
Salweide

Männliche Blüten (Kätzchen} an der Flechtweide
Männliche Blüten (Kätzchen} an der
Flechtweide

Die stammbildenden Arten können nicht nur große Höhen, sondern ebenso starke Stammdurchmesser erreichen. Die Rindenfarbe ist mehr oder weniger hellgrau. Eine Ähnlichkeit gibt es auch bei der Astform und deren Verzweigung.

Weidenblätter erscheinen früher als bei anderen Laubbaumarten. Von lanzettlich schmal bis eirund reicht deren Palette. Ähnliche Vielfalt zeigen Blattrandgestaltung, Blattfärbung und die Behaarung auf der Blattunterseite. Meist sitzen Weidenblätter kurz gestielt wechselständig, oft versehen mit Blattstieldrüsen, an den Zweigen.

Als Einzelbäume im Freistand bilden Weiden ein typisches Herzwurzelsystem aus, von dem weit streichende Wurzeln sich oft dicht unter der Oberfläche ausdehnen.

Weidenblüten sind als Weidenkätzchen bekannt. Dabei handelt es sich um die aufrecht stehenden vielblütigen gelben Ähren der männlichen Blüten. Weibliche Blüten bestehen aus einer Sammlung von locker stehenden, lang gestielten, grünen Fruchtknoten. Strauchweiden blühen vor Blattaustrieb und Baumweiden mit Austreiben der Laubblätter ab März bis Mai. Die Reife der Blüten ist zu erkennen, wenn die Nektarien beider Blüten ein zuckerhaltiges Sekret ausscheiden; das Startzeichen für die dann aktiv werdenden Bestäuber. Das sind neben Bienen auch Hummeln, Fliegen und Ameisen. Nur wenige Arten bestäubt der Wind.

Ungefähr einen Monat braucht die Fruchtreife. Aus den platzenden Fruchtkapseln werden die leichten Samen, versehen mit weißer "Weidenwolle", vom Winde verweht. Das Holz der Weiden ist weich, hat einen dunkleren Kern der vom weißen Splintholz abgesetzt ist. Die breiten Jahrringe des zerstreutporigen Holzes lassen sich gut erkennen. Weidenholz ist leicht, grobfaserig und wenig belastbar.


Standortansprüche

Fruchansatz der Salweide
Fruchansatz der Salweide

Weidenarten können sich auf allen Standorten entwickeln. Vom Sandboden bis zu anmoorigen vernässten Böden, von Kalkböden bis zum nackten Fels finden sie ihren Platz. Sie gedeihen gut auf nährstoffreichen, frischen, pH-neutralen Böden. Auch auf Rohböden, am fließenden Wasser und auf Kalkböden wachsen Weiden problemlos. Länger stehende Nässe vertragen die meisten Arten nicht, wohl periodische Überschwemmungen. Fröste schaden ihnen nicht.

Als Lichthölzer wollen sie keine starke Beschattung oder Dichtschluss im Oberbestand. Da sie keine besonderen Ansprüche an das Klima haben, gelten sie als ideale Pionierbaumart. Als Vorwald können sie anspruchsvolleren Baumarten Schutz bieten.

Weidensamen müssen schnell den richtigen Nährboden finden. Sie überleben nur kurz, da die sehr leichten flug- und schwimmfähigen Samen keine Reserven haben. Dem Sterben der Samen begegnen die Weiden mit einer Massenproduktion an Saatgut. So werden Verluste im dichten Grasfilz oder auf anderen ungeeigneten Substraten ausgeglichen.

Durch Wind oder Sturm abgebrochene Zweige wachsen leicht an. Eine Fähigkeit, deren sich Pflanzer zur vegetativen Vermehrung bedienen. So lassen sich gut nur männliche oder nur weibliche Weiden getrennt verjüngen.


Ökologisch wertvoll

Das leicht zersetzliche Laub der Weiden fördert die Humusbildung und damit ein reges Bodenleben. Auf die frühe Bienenweide wurde schon hingewiesen. Auch weitere Insektenarten leben auf, in oder von der Weide.

Weidenbohrer, Rüsselkäfer, Spinner und Gallmücken schaden der Wirtspflanze. Auch Pilze können Weiden schädigen.

Die schnell wachsenden Weiden leisten in der Dünenbefestigung und in der Böschungssicherung gute Dienste. Erwünscht sind sie als (Winter-) Nahrungsquelle für das Wild.

Kopfweiden, eine weit verbreitete Nutzform zur Gewinnung von Flecht- und Bindematerial, bieten Vögeln Nistgelegenheit wegen der Dichte der Austriebe und der Hohlräume in alten Bäumen.


Verwendung

Gewundene Weidenruten als Wand eines Fachwerkhauses
Gewundene Weidenruten als Wand eines Fachwerkhauses

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Anbau in Feld und Flur besonders mit Baumweiden stark propagiert - hauptsächlich mit der in den Niederlanden gezüchteten Salix alba "Liempde", eine Form der Silberweide. Sie bot schnellen Höhen- und Stärkenzuwachs. Das Holz lieferte vor allem Industrieholz für die Papier- und Spanplattenherstellung. Heute werden Weiden in Modellprogramme für schnell wachsende Baumarten einbezogen.

Vollholz aus Weiden wurde und wird wieder als dickeres Furnier für die Spankorbproduktion genutzt. Geschnittene Triebe bestimmter Arten werden noch in geringem Umfang als Flechtmaterial für Versand- und Erntekörbe verwendet.

Historisch wichtig war die Weide zum Füllen der Gefache im Fachwerkhausbau: Zwischen senkrechten Eichenspaltern wurden Weidenruten gewunden. Sie dienten als leichtes Füllmaterial und zur Aufnahme des Lehm-, Häckselstroh-, Kuhmistgemisches. Wir würden dazu heute Leichtbauweise mit ökologischer Wärmedämmung der Wände sagen. Übrigens: Wand kommt von Winden mit Weide.

Stark rückläufig sind andere früher bedeutende Verwendungen wie für Holzschuhe, Schüsseln, Streichhölzer, Faltschachteln, Spaltreifen für Fässer und die Nutzung als Binde"weide" im Weinberg. In einigen Ländern spielen sie noch eine größere Rolle. So auch die Nutzung der in Weidenrinde enthaltenen Gerbstoffe für Juchtenleder in Russland oder Dänemark.

Bei uns wird heute eher an die Nutzung des Weidenholzes als Energieholz in Form von Hackschnitzeln gedacht. Dabei könnten im drei-, fünf- oder achtjährigen Turnus maschinell zu beerntende Flächen kostengünstig Heizmaterial liefern.

In so genannten Weidenhegern und von Kopfweiden wird wieder Rohmaterial für Lebendflechtwerk und für Faschinen (zur Böschungssicherung) gewonnen. Nach wie vor gefragt sind Weiden im Wasserbau, zur Dünenbefestigung, bei der Ufersicherung, zur Lawinen- und Wildbachverbauung im Gebirge. Weidenpflanzungen werden für den Windschutz, als Vogelschutzgehölz und zur Biotopvemetzung angelegt. Zur Bacheingrünung werden Weidenstecklinge gesetzt. In einigen Bundesländern wird der Kopfweidenbetrieb wieder zur Erhaltung des Landschaftsbildes, für die Nistplatzsicherung von Enten und Steinkäuzen und gleichzeitig zur Flechtweidengewinnung gepflegt.

Als hegerische Maßnahme werden zur natürlichen Äsung Weidenflächen (Prossholz) geschaffen. Voraussetzung dafür sind Weiden mit hohem Ausschlagsvermögen, gutem Zuwachs und einem möglichst hohen Zuckergehalt.


Für Züchter und Baumschulisten eine Fundgrube

Auswahl der gängigen Weidenarten
Salix alba Weißweide, Silberweide S. alba "Liempde" Straffe Straßen-Weide
S. alba "Belders Weiß-Weide Belders S. alba "Tristis" Dotter-, Hänge-, Trauerweide
S. arenaria Silberlaubige Kriech-Weide S. aurita Öhrchen-Weide
S. caprea Salweide S. caprea mas Echte Salweide
S. caprea "Pendula" Hängende Kätzchenweide S. cinera Asch-Weide, Grau-Weide
S. daphnoides Reif-Weide S. hastata "Wehrhahnii Engadin-Weide
S. fragilis Knack-, Bruch-Weide S. x erythroflexuosa Locken-Weide
S. matsudana "Tortuosa" Korkenzieher-Weide S. matsu."Umbraculifera" Kugel-Weide
S. purpurea Purpur-Weide S. purpurea "nana" Niedrige Purpur-Weide
S. rosmarinifolia Rosmarin-Weide S. sachaliniensis Jap. Drachen-Weide
S. x smithiana Kübler-Weide S. viminalis Hauf-, Flecht-Weide

Weiden sind ausgesprochen kreuzungsfreudig - mit und ohne Zutun des Züchters. Auch Fachleuten fällt mittlerweile die Unterscheidung der Bastarde schwer, da Ähnlichkeiten manchmal Überhand nehmen.

Es gibt in den Angeboten guter Baumschulen eine große Auswahl für alle Zwecke: Baum- und Strauch-Weiden in Höhen von zwei bis 40 Metern; oder niedrige Formen von 30 cm bis zwei Metern; Hängeformen; als Bienenweide besonders ausgelesene Sorten, frühblühend; Zierformen aus Europa und Ostasien; Zwergformen für den Steingarten-Fan, Arten und Formen für den Landschaftsbau, für Parks und als Straßenbegleitgrün. Narürlich auch Weiden, die besonders für trockene oder frischere Standorte geeignet sind. Eine Beratung durch den Fachmann / die Fachfrau wird jedoch empfohlen, um sich vor Überraschungen zu schützen.


Ein Blick in die Volkskunde

Junger Stamm einer Salweide
Junger Stamm einer Salweide

Weiden waren vor den Eiszeiten schon fester Bestandteil von Landschaft und Wald. Das Körbeflechten haben bereits die Kelten praktiziert. Und überliefen ist, dass schon Hippokrates (460-377 v. Chr.) und Dioscorides (1. Jhd. n. Chr.) Weidenrinde in der Medizin verwendeten. Wahrscheinlich waren sie nicht die Ersten.

Noch in unserer Zeit wird Weidenrinde als Heilmittel bei Fieber, Gelenk- und Muskelrheuma verwendet. Sie hilft bei Grippe und Kopfschmerz und lindert Beschwerden bei Magen- und Darmerkrankungen. Dazu wird die im Frühjahr leicht lösliche Weidenrinde an der Luft getrocknet und zu Tee aufbereitet.

Wirkstoffe sind einmal das Salicin, andere Glycoside, Flavonoide und Gerbstoffe. Weidenrinden-Aufgüsse wurden auch als Gurgelwasser bei Zahnfleischbluten, Zahngeschwüren und eitrigen Mandeln angewendet.

Der Apotheker kennt die getrocknete Weidenrinde (Droge!) als Salicis Cortex. Weidenrindentee soll nur in der angegebenen Dosis getrunken werden. Für Schwangere ist dieser Tee verboten! Ab 1899 kann der Wirkstoff Salicilsäure und die Verbindung Salicilsäureester künstlich hergestellt werden. Letztere ist unter dem Handelsnamen Aspirin in aller Welt bekannt.


Guter Baum und böser Baum zugleich?

Volksnamen sagen über eine Pflanze viel aus. Im Volksmund heißt die Weide auch Felbern, Korbweide, Maiholz, Weihbuschen, Katzenstrauch oder Gerberweide - um nur die bekanntesten zu nennen.

In der griechischen Mythologie ist der Gegensatz durch Demeter als Göttin der Fruchtbarkeit und Persephone als Göttin des Todes und der Wiedergeburt dokumentiert.
Ähnliches wird in der nordi- schen Sagenwelt berichtet. Hier soll der Todesgott Vidharr unter Weidenbüschen der Unterwelt wohnen. Der Verräter Judas soll sich an einer Weide erhängt haben: Der böse Baum wurde deshalb verunstaltet.

Böse gilt die Weide auch wegen ihrer Standorte, die oft nicht ganz geheuer sind. Schließlich vermittelt der Baum selbst im Nebel unbehagen, weil seine Formen als "schlimme" Gestalten erscheinen. Man sagt daher, dass unter Weiden das Böse wohnt. Ein Grund, sich nie unter Weiden, besonders Trauerweiden, zu flüchten. Denn hier vertrieb der Prophet Elias das Böse mit tödlichen Blitzen.

Kelten verehrten Weiden zusammen mit dem lebenserhaltenen Wasser. Mit dem christlichen Glauben wurde die Weide zum Hexenbaum, in dem sich die Hexen verstecken. Verhexten Tieren wurde mit Weidenruten der Zauber ausgetrieben.

Andererseits verbinden sich Fruchtbarkeitsbräuche mit der Weide. Schlagen Burschen ihre Mädchen zu Ostern mit der Weidenrute, wollen sie damit die Fruchtbarkeit anregen. Der Felberbaum (Silberweide) soll Schönheitsmittel enthalten, die die Erotik fördern. Gleichzeitig kann ein Trank aus Weidenblättern Schwangerschaft verhindern.

Weidenzweige mit den Kätzchen wurden schon seit über 1.000 Jahren zum Palmsonntag als "Palm" geweiht. Die gesegneten Zweige oder Buschen wurden ins Haus oder zum Hof getragen. Hier fanden sie Platz in der Herrgottsecke, um Unheil von Haus und Vieh abzuwenden. Oder sie wurden in den Stallungen angebracht, um das Vieh vor Zauber und Krankheit zu schürzen.
Im Schlafzimmer aufgehängt, sollte der geweihte Palm das Alpdrücken verhindern.


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Text: Christian Griesche, Olaf Schmidt
Bilder: Griesche, Hooge, Leder

Gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz